Zwei Fragen stecken drin: Wie kommt Material rein, selbst eingespielt oder vorprogrammiert? Und welche Rollen braucht ein Stück, damit es nach etwas klingt? Ein Gerät beantwortet nur die erste.
Hör ein Lieblingslied und zähl die Rollen: Was trommelt, was brummt, was trägt die Melodie?
Bevor es um Geräte geht, lohnt sich eine andere Frage: woraus besteht eigentlich das, was am Ende zu hören ist. Die Antwort ist bei fast jedem Stück dieselbe, egal ob Techno, Folk oder Beatbox.
Ein Live-Set hat zwei Seiten, und die meisten Missverständnisse entstehen daraus, dass man sie durcheinanderwirft. Die eine Seite ist technisch: wie kommt Material überhaupt in dein Set hinein. Die andere ist musikalisch: welche Rollen müssen besetzt sein, damit es nach etwas klingt. Ein Gerät beantwortet immer nur die erste Frage. Die zweite beantwortest du.
Es gibt genau zwei Wege, Material in ein Live-Set zu bekommen, und die meisten kombinieren beide.
Fast jedes Stück braucht dieselben Rollen, ganz unabhängig von der Technik:
[Die Mitmach-Grafik dazu steht oben.]
Welches Instrument welche Rolle übernimmt, ist offen. Eine Stimme kann das Schlagzeug sein, ein Synthesizer den Bass spielen. Die Rollen bleiben gleich, die Besetzung wechselt von Stück zu Stück.
IM HEFT: KAP 01 · ALTE FASSUNG
Live elektronische Musik ist kein Auflegen. Beim Auflegen mischst du fertige Tracks. Auf den vier Wegen hier entsteht die Musik vor Publikum oder wird dort geformt. Die Wege stehen nebeneinander, keiner baut auf dem anderen auf.



Es gibt kein vorbereitetes Material. Alles entsteht vor Publikum, im Moment, und wird dort geloopt und übereinandergeschichtet.
Beardyman benutzt gar keine Samples. Er formt alles aus seiner eigenen Stimme, verändert sie mit Effekten und improvisiert den ganzen Abend. Sein Aufbau auf dem Bild heißt Beardytron, mehr dazu in Kapitel 19. Marc Rebillet macht ebenfalls alles live und improvisiert, nutzt dabei aber auch Samples.
kristof7s aus Kapitel 22 loopt sein Schlagzeug und seinen Synthesizer live. Darüber legt er Vocal-Stems, also herausgelöste Gesangsspuren aus bekannten Songs.
Interessant daran ist die Umkehrung. Beim Auflegen steckt die Stimme im fertigen Track, und du wählst den Track. Hier liegt nur die Stimme fest, und alles darunter entsteht in dem Moment.
Hier ist die Musik vorbereitet und liegt als horizontales Arrangement bereit. Horizontal heißt: das Stück liegt als Zeitleiste von links nach rechts vor dir, Spur unter Spur. Intro, Aufbau, Drop, Break und Outro stehen fest hintereinander, so wie in der Arrangement-Ansicht einer DAW. Drückst du auf Play, läuft alles von vorn bis hinten durch.
So spielt zum Beispiel NTO live. Seine Sequenzen sind vorbereitet und laufen linear ab, er muss nichts auslösen. Live dreht er an Parametern wie Hall und Filter. Und wenn er will, lässt er eine Sequenz länger laufen, als sie im Arrangement geplant war.
Das Gegenstück ist die Session-Ansicht aus Kapitel 19. Dort liegt nichts in fester Reihenfolge, du entscheidest live, was als Nächstes kommt.
Deine Sequenzen liegen fertig auf dem Gerät, aber von allein läuft nichts. Du bist komplett dafür verantwortlich: welche Sequenz wann läuft, welche du miteinander kombinierst und wann gewechselt wird.
Und du gibst ihnen Leben, indem du an den Reglern drehst. Filter auf, Hall dazu, eine Spur raus, eine andere rein. Das ist der Unterschied zwischen Abspielen und Spielen.
Beim Auflegen mischst du fertige Tracks, und der Übergang ist die eigentliche Disziplin. Ein Handwerk für sich, nur nicht das, was wir hier üben. Auf allen vier Wegen oben entsteht die Musik live oder wird live geformt.
Im Kurs arbeiten wir mit Groovebox und Loop Station. Das sind vor allem Weg vier und Weg eins.
IM HEFT: KAP 18 · ALTE FASSUNG
Ableton Live ist eine Software zum Produzieren und Auftreten und in diesem Feld ausgesprochen stark. Im Kurs behandle ich sie trotzdem nicht in der Tiefe, aus zwei ehrlichen Gründen.
Erstens kann ich es selbst nicht gut genug, um es zu unterrichten. Ich kenne Leute, die darauf schwören und es besser vermitteln könnten als ich.
Zweitens passt es zu einer anderen Aufgabe. Ableton ist stark, wenn du deine Stücke fertig produziert hast und daraus eine Live-Fassung machen willst. Willst du ohne fertiges Material anfangen und im Moment erfinden, sind Loop Stations und Grooveboxen der direktere Weg.
Wer nach dem Kurs merkt, dass er eigentlich seine produzierten Songs live spielen will, ist dort genau richtig.
Beardyman, für mich der stärkste Looper überhaupt, wenn es darum geht, aus nichts etwas zu machen, arbeitet ebenfalls mit Ableton. Nur eben nicht so, wie man es kaufen kann.
Sein Weg dahin ist selbst schon die ganze Geschichte dieses Hefts im Zeitraffer. Er fing mit einer Loop Station an, derselben RC-505 wie alle anderen. Dann ließ er sich von einem Programmierer ein eigenes System in C++ bauen, das Beardytron. Das konnte sehr viel, hatte aber einen Haken: er konnte es nicht selbst weiterentwickeln. Also hat er es um 2019 wieder aufgegeben und ist zu Ableton gewechselt, gesteuert über eine selbstgebaute Oberfläche. Inzwischen zieht er nach und nach zu Loopy Pro um, an dem er selbst mitentwickelt.
Sein Kriterium war nie, was ein Werkzeug alles kann, sondern ob er es selbst weiterbauen kann. Das teuerste, mächtigste System hat er weggeworfen, weil er dafür jedes Mal jemand anderen brauchte. Wenn du zwischen zwei Wegen schwankst, ist das die brauchbarste Frage: an welchem kommst du morgen ohne fremde Hilfe weiter?
IM HEFT: KAP 19 · ALTE FASSUNG
Dieses Heft erklärt Begriffe. Es macht keine Musik. Das ist der Teil, der im Raum passiert.
Wenn du bis hierher gelesen hast, kannst du jedes Gerät im Kurs einordnen: du weißt, an welcher Stelle der Kette es sitzt, ob es Anweisungen oder Klang transportiert, und was es von seinem Nachbarn unterscheidet. Das reicht völlig. Alles andere lernt sich am Gerät und nicht am Text.
Es gibt kein Gerät, das dir das Zuhören abnimmt. Jede Kiste in diesem Heft ist ein Werkzeug für eine Entscheidung, die du selbst triffst, und zwar in dem Moment, in dem sie fällig ist.
Heft 2 geht weiter: wo das Loopen herkommt, wer davon lebt, welche Wege es gibt, und eine gestaffelte Liste, wo du weiterlernst.
IM HEFT: KAP 14 · ALTE FASSUNG